In seinem neuesten Buch Mit dem Rücken zur Kunst (Klaus Wagenbach Verlag, Emser Straße 40/41, D-10719 Berlin - 128 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, DM 36.-) berichtet Wolfgang Ullrich von den merkwürdigen Folgen und Nebenwirkungen eines allzu hohen Kunstbegriffs.
Wer sich mit zeitgenössischer Kunst umgibt und in Szene setzt, um in deren positivem Image mitzuglänzen, darf sich als Vertreter einer heldenhaft-tapferen Avantgarde betrachten. In Zeiten, in denen die Identifikation mit militärischen Tugenden außer Mode gekommen ist und dem Image eher schaden würde, bietet sich die Kunst als edler Ersatz an; dank der «Pionniere» der künstlerischen Moderne wurden ein martialischer Habitus und das forsche Vokabular zu neuer Unschuld gebracht und wiederverwendbar gemacht.
Damit schmeichelt die Kunst denjenigen, die sich selbst gerne als die Helden der Gegenwart sehen, und sie taugt als Symbol für eine moderne, aufgeschlossene, aktiv-selbstbewußte und gelegentlich auch offensiv-vorpreschende Lebensart. Daß Führungskräfte genau dies für sich in Anspruch nehmen und auch unter Beweis stellen müssen, erschließt sich am prägnantesten aus der Stellenanzeige. Wird Personal für das Management gesucht und das gewünschte Persönlichkeitsprofil beschrieben, so dominieren dieselben Adjektive wie in den Kommentaren zu moderner Kunst: Dynamisch, offen, kreativ, innovativ, mutig, konsequent soll sein, wer eine Position erstrebt, mit der Macht verbunden ist.
Der Kunstlaie und einfache Angestellte, der unsicher ist, wie er sich moderner Kunst gegenüber verhalten soll, staunt über so viel - scheinbar selbstverständliche - Identifikation von seiten seiner Vorgesetzten, die ja eigentlich auch nicht professionell mit Kunst zu tun haben. Käme er ins Grübeln, gelangte er wohl zu dem Schluß, seine latenten Vorbehalte gegenüber Gegenwartskunst müßten unberechtigt sein, und er hätte sich dafür einzugestehen, selbst überfordert zu sein - ausgeschlossen von den Einsichten und Freuden, die moderne Malerei oder Skulptur anderen offenbar zu gewähren vermag. Auf diese Weise erlangt moderne Kunst im Umfeld von Machtzentren eine wichtige Funktion: Sie bestätigt bestehende Hierarchien.
Moderne Kunst im Umfeld von Geld und Macht: Wie konnte sie zu einem der wichtigsten Statussymbole unserer Zeit werden? Und was sagt dies über die Kunst selbst aus - sowie über diejenigen, die sich ihrer bedienen?