von Richard Beiderbeck
“Nation Building” in Afghanistan
Nach dem Sieg über die Taliban in Afghanistan tauchte
in den amerikanischen Medien das Wort „Nation Building“ auf, also die Bildung
einer Nation. Man realisierte nämlich, dass Afghanistan keine Nation
war, sondern in eine größere Anzahl von Stämmen und Territorien
zerfiel, die von Kriegsherren dominiert waren. Um den Bürgerkrieg
zu beenden, musste also eine Einigung und ein Zusammenschluß erfolgen,
eine Nation musste geschaffen werden.
Es gibt zwei Wege zur Nationenbildung: Entweder domi-niert
ein Stamm oder eine Gruppierung alle andern und errichtet eine auf illegitimer
Macht basierende Herrschaft. Oder alle Partner sind gleichberechtigt und
werden entsprechend ihrer Bevölkerungszahl und ihrer Bedeutung an
der Regierung beteiligt. Sinnvoll ist es auch, eine föderale Struktur
zu schaffen. So wird verhindert, dass Teile der Bevölkerung unterdrückt
werden und dass es Minderheitenprobleme gibt, die zum erneuten Aufflammen
des Bürgerkrieges führen können.
Föderalismus und Demokratie sind bewährte Methoden,
um ein Land mit einer inhomogenen Bevölkerungsstruktur zu regieren.
Der jetzt in Afghanistan unternommene Ansatz ist vom
Prinzip her richtig. Sollte er dennoch scheitern, dann liegt es daran,
dass eine Demokratie nur dann bestehen kann, wenn es genügend Demokraten
gibt. Sollten sich die in Afghanistan nicht finden, hat das Land eine große
Chance vertan.
Die Nation als Friedensbringer
Wir haben lernen müssen, dass nach der Überwindung
des Konfliktes zwischen USA und UdSSR der weltweite Frieden immer noch
nicht erreicht ist, weil in vielen Ländern Bürgerkriege toben.
Dort gibt es noch keine Nationen oder die Nationen sind zerfallen.
Wenn ein Land zu einer Nation zusammenwächst und
zur friedlichen Einheit findet, ist das eine große Errungenschaft.
Die Nation ist also der Friedensbringer und Nation Building bedeutet Überwindung
der Bürgerkriege.
Die Nation als Kriegsbringer
Nachdem in einem Land der Bürgerkrieg abgeschafft
und der innere Frieden gewährleistet war, konnte sich die Nation nach
außen wenden. Meist tat sie das nicht in friedlicher Absicht.
Das Verhalten der europäischen Nationen war bis
zum Ende des Zweiten Weltkrieges von zwei fundamentalen Emotionen geleitet:
Von Angst und von Gier.
Beginnen wir mit der Gier: Die technische, und damit einhergehend
die militärische Überlegenheit der Europäer führte
dazu, dass sie weite Teile der Welt unterwarfen, um sie auszubeuten. Europäische
Nationen „erwarben“ Territorien, das heißt sie nahmen die Länder
mit ihrer Bevölkerung und ihren Bodenschätzen einfach in Besitz.
Ich nenne das Raub und Mord.
Die zweite Emotion, welche die Nationen beseelte, war
die Angst, dass der Nachbar über sie herfallen, Provinzen an sich
reißen oder gleich das ganze Land unterwerfen könnte. Man war
also in ständiger Angst vor den Nachbarn und beobachtete sie mit äußerstem
Misstrauen. Gleichzeitig erhöhte man die Truppenzahl und dachte meist
nicht nur an Verteidigung, sondern auch an Angriff. Natürlich deklarierte
man dies als „Vorwärtsverteidigung“ und „Präven-tivkrieg“.
In einer schwierigen Lage waren die kleineren Staaten.
Sie mussten sich mit einer Großmacht verbünden, um von ihr geschützt
zu werden. Aber so waren die kleinen Staaten auch verpflichtet, mit Hilfstruppen
an den Kriegen der Großen teilzunehmen und oft sogar einen besonders
hohen Blutzoll zu entrichten.
Warum haben die Nationen es nicht vorgezogen, in Frieden
miteinander zu leben? Die Antwort ist einfach: die Vorteile, welche die
Großmächte (und sie bestimmten ja die Spielregeln) von diesem
System der Raubtierstaaten hatten, waren einfach zu groß: durch die
Eroberungen wurden die Kolonialmächte ungeheuer reich, und ihre Oberschicht
ebenfalls.
Ein anderer Punkt kam noch hinzu: je mehr Territorium
eine Nation hatte, desto mehr Ressourcen für den Krieg hatte sie und
desto schwieriger war es, sie im Handstreich zu erobern; je mächtiger
sie war, umso sicherer war sie vor seinen Nachbarn.
Die Nationenbildung auf europäischer
Ebene
Mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg änderte sich
für die Europäer alles.
Die erste Änderung war, dass Kriege so ungeheuere
Opfer und Kosten verursachten, dass diese die zu erwartenden Gewinne bei
weitem überwogen. Kriege waren ein Verlustgeschäft, nach der
Erfindung der Atombombe sogar ein selbstmörderisches Unternehmen.
Der zweite Punkt war, dass sich auch die Kolonien nicht
mehr lohnten und im Grunde auch nicht mehr zu halten waren. Man konnte
nämlich die Bevölkerung in den Kolonien nicht bloß
ausbeuten und unterdrücken. Das war kontraproduktiv, denn es führte
zu Aufständen und Sabotage (die von den Feinden der Kolonialmächte
gefördert wurden). Es war notwendig, Schulen, Krankenhäuser für
die „Eingeborenen“ zu errichten. Für den Abtransport dessen, was man
aus der Kolonie herausholte, musste man Eisenbahnen und Häfen bauen.
Man kam darauf, dass es kostengünstiger war, die
Kolonien in die Freiheit zu entlassen, und eine korrupte Regierung zu etablieren,
welche die Rohstoffe des Landes zu lächerlich geringen Preisen an
die ehemaligen Kolonialmächte verkaufte. Es blieb den korrupten Regierungen
auch fast keine andere Wahl, denn sie brauchten die Waffenlieferungen der
ehemaligen Kolonialherren, um sich gegen ihr eigenes Volk zu verteidigen.
Nachdem sich dies alles so entwickelt hatte, bestand
für die europäischen Länder kein Grund mehr, den Zustand
des gegenseitigen Misstrauens aufrecht zu erhalten. Man konnte in eine
Phase der Annäherung eintreten und sich immer enger zusammenschließen,
zumal man einen gemeinsamen Feind hatte: die Sowjetunion.
Als die Sowjetunion zusammengebrochen war, tauchte für
die Engländer und Franzosen eine neue Angst auf: [das neue/alte] Deutschland
könnte wieder zu mächtig werden. Deshalb beeilte man sich, es
in Europa zu integrieren.
Mit der Einführung des Euro ist die Nationenbildung
auf europäischer Ebene so weit vorangekommen, dass man hoffen kann,
dass ein Krieg zwischen den Mitgliedern der Europäischen Union ausgeschlossen
ist. Das ist ein nicht hoch genug einzuschätzender Gewinn.
Föderalismus und Demokratie haben den Frieden in
Europa gebracht.
Die Nationenbildungen auf
globaler Ebene
Nachdem jetzt allgemein anerkannt ist, dass sich Imperialismus
und Eroberungskriege nicht mehr lohnen, steht der Einsicht aller Politiker
auf der Welt nichts mehr im Wege, dass sie Ihre Nationen allmählich
zusammenschließen könnten. Einige besonders rückständige
Regierungen haben zwar noch Kriege gegeneinander geführt, z. B. der
Irak und der Iran. Die USA ist durch den verlorenen Vietnamkrieg davon
geheilt, sich mit größeren eigenen Truppenkontingenten in einen
Krieg verwickeln zu lassen. Die Welt ist dafür reif, dass sich die
Nationen zusammenschließen. Wenn die Einigung Europas ein sichtbarer
Erfolg wird, dann werden andere Nationen dem Beispiel folgen.
Denkbar ist folgendes Szenario: Das Vereinte Europa und
die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika bilden eine
Wirtschafts- und Währungsunion, an die sich Japan, die Philippinen,
Indien, die Türkei, Russland und die ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten
anschließen. Etwa um die gleiche Zeit treten Mexiko, Brasilien, Argentinien
und die anderen lateinamerikanischen Staaten bei. Dann stoßen hinzu:
die südostasiatischen Staaten, z. B. Südkorea, Thailand,
Taiwan und Indonesien. Es folgen die meisten arabischen Saaten, z. B. Ägypten,
Jordanien, Saudi-Arabien, Kuwait, die Emirate, Marokko, Tunesien, Libanon
und Pakistan. Wenn dann noch China beitritt, ist die Weltunion fast geschafft,
und die verbleibenden Staaten in Afrika und Asien werden froh sein, in
den Club aufgenommen zu werden.
Man braucht kein Prophet mehr sein, um das vorherzusehen
Als ich 1983 zu ersten Mal für die Weltföderation eintrat, hat man mich nicht ernst genommen. Ich war ein Spinner und ein Exot. Heute stoße ich auf expliziten Widerstand nur noch bei Neonazis, die an die uralte Weltverschwörungs-propaganda glauben. Die meisten anderen Menschen sagen: „Eine geeinte Menschheit ? Das ist eigentlich ein schöner Traum. Nur müssen wir aufpassen, dass keine Weltdiktatur entsteht“.
Aber im Prinzip ist man der Meinung, dass der Weltstaat
wünschenswert ist und dass er eines fernen Tages kommen wird. Die
Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und meinen Diskussionspartnern bestehen
nur noch darüber, wann der Weltstaat kommt. Nun, er kommt vielleicht
schneller als man denkt.
Eines Tages wird man sagen: „Es gibt nur eine Nation:
die Menschheit“.
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Richard Beiderbeck im Internet:
www.koinae.de
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