von Harold S. BIDMEAD
Es ist oft genug vorgekommen, daß man sich durch die Ähnlichkeit zweier Namen verleiten liess, völlig verschiedene Dinge zu verwechseln.
Es ist leider eine Tatsache, daß die meisten Menschen die Weltföderation, die noch nicht existiert, mit der UNO verwechseln, die weiter nichts ist - schon ihrem Namen nach - also ein Zusammenschluss gewisser Nationen - wenn es auch gerade diese Nationen sind, die Freiheit, Demokratie und Frieden auf ihr Banner geschrieben haben. Eine Weltföderation kann schlechterdings ihrem innersten Wesen nach, das sich auf die Stimme des Menschen und nicht auf die Stimme der Nationen gründet, keine Vereinigung von Nationen sein, sondern wird immer eine Vereinigung von Menschen bleiben. Dieselbe Verwechslung finden wir auch im Geiste der meisten Europäer, die noch immer glauben, die EU sei nur ein Bund der europäischen Länder.
Unglücklicherweise hat man den heutigen Menschen schon so sehr zum Sklaven des Staates gemacht, daß er glaubt, er könne seine politische Meinung nicht anders äußern als über den Staat - daß gewissermassen der Staat sein Repräsentant in aller politischen Dingen sei. Der Staat hat jedoch gegenüber dem einzelnen Menschen augenblicklich nur die politische Macht in den Händen.
Macht jedoch, das haben wir gesehen, ist vergänglich genug. Die Idee, das Leben, sie bleiben bestehen. Der Mensch ist also ungleich schwächer als der Staat, ist aber auf der anderen Seite wiederum ungleich wichtiger und mit dem Dauernden tiefer verbunden als alle politischen Organisationen. Nur auf den Menschen gründet sich das Heil der Welt; nur vom Menschen kann der Friede der Welt kommen.
Ich möchte zu Beginn gleich einen Irrtum beseitigen. Wir sind nicht eigentlich gegen das Kämpferische und gegen den Krieg. Die Menschen können stolz auf einen Teil ihrer Vergangenheit sein, in der sie vorgezogen haben, lieber zu kämpfen als Ungerechtigkeit zu erleiden, lieber ihr Leben aufs Spiel zu setzen, als ein sklavisches Leben zu führen. Es ist jedoch so weit gekommen - durch die technische Vervollkommnung des Krieges, die im menschlichen Sinne ein gewaltiger Rückschritt ist - daß ein Krieg heute nicht mehr die Ungerechtigkeit beseitigt, sondern der bestehenden Ungerechtigkeit noch neues Elend und Sklaventum hinzufügt, "ohne Ansehen des Standes und der Person" möchte ich sagen. Ein Krieg kann heutzutage nicht wieder gutgemacht werden. Die Welt könnte keinen neuen Weltkrieg auf sich nehmen, und - was noch mehr ist - sie kann nicht einmal die Vorbereitungen für diesen neuen Krieg treffen, denn sie bedeuten, wie wir es am eigenen Leibe zu spüren bekommen, eine bereits weit forgeschrittene Entwürdigung unseres Menschentums.
Allein die Drohung der Atombombe hat das Maß der Niederträchtigkeit, der Feigheit und des Egoismus auf der Erde um ein Beträchtliches vergrößert, denn natürlich kommt der kämpferische Idealist nicht gegen die egoistische Gleichgültigkeit der Materialisten an, die sagen: "Wozu das alles, wozu sich anstrengen, wenn es doch morgen wieder zerstört werden kann!". Auch da sehen wir wieder, daß die Lösung nicht bei den Staaten und auch nicht im politischen Leben liegt, sondern in dem Leben jedes Einzelnen. Wir können doch nicht noch einmal unsere gesamte Zukunft und auch die Zukunft unserer Kinder aufs Spiel setzen, nur weil wir zu klein oder zu dumm sind, in internationalen Auseinandersetzungen zu einem menschenwürdigen Schluß zu gelangen. Wir möchten also nur einen kleinen Fingerzeig geben, damit der Einzelne fortan unterscheiden kann, welche Pläne von vorneherein dazu bestimmt sind, zu versagen, weil ihre Grundlage falsch ist. Es gibt noch eine dritte Art von weltpolitischen Plänen, und das sind die schlimmsten, welche überhaupt nur deshalb aufgeworfen werden, um die Welt und die Phantasie der Menschen zu beschäftigen und den Zustand so zu lassen wie er ist, indem eben jene Urheber dieser sogenannten Weltprobleme am besten im Trüben fischen können. Man kann einen Krieg an sich nicht unmöglich machen. Solange der Frieden voller Ungerechtigkeit und Elend ist, wird es immer Menschen geben die den Krieg als einen Ausweg betrachten. Erst wo wir in den Frieden auch die Gerechtigkeit mit einbeziehen, wird auch der Krieg nicht mehr in Erscheinung treten oder jedenfalls höchst unwahrscheinlich werden.
Auf dieser wahrhaften Gerechtigkeit beruht alles; und wir müssen gestehen, daß jeder von uns als Mensch von ihr noch ziemlich weit entfernt ist. Wieviel weiter aber ist die blinde Masse, sind die Staaten von ihr entfernt?
Wie gesagt, die meisten Menschen wissen noch nicht, daß die UNO kein Instrument sein kann, um den Frieden zu erhalten. Wenn auch der Geist, der die UNO erschaffen hat, gleichzeitig den Frieden erhallten wollte, und wenn auch manche Menschen glauben, es käme nur auf den Geist an und nicht auf das Instrument, so entspricht es doch der Tatsache, daß ein völlig ungeeignetes Instrument das ganze Werk in Frage stellen kann. Wenn man von einem Flugzeug abspringen will, braucht man einen Fallschirm. Man darf sich nicht mit einem Regenschirm begnügen und sagen: "mein Mut und mein Geist werden es schon schaffen." Trotz allem bricht man sich das Genick. In den Angelegenheiten der Welt benötigen wir augenblicklich ein Instrument, eine Struktur, der den Frieden wirklich bewahren kann: Das ist eine sehr schwere Aufgabe; daher muß der Aufbau dieser Struktur genau studiert werden. Es ist fast schon eine Wissenschaft, - aber bisher hat man sie viel zu sehr auf die leichte Schulter genommen, so daß die Menschheit in der Politik eigentlich immer wieder dieselben Fehler begeht. Und dann begnügt man sich mit dem Sprichwort: "Das einzige, was man aus der Geschichte lernen kann ist, daß man aus ihr nichts lernt."
Wenn wir uns aber weiterhin weigern, aus der Geschichte zu lernen, werden wir nie zum Ziele bekommen. Ein holländischer Außenminister war der Meinung, daß die UNO sich nur mit solchen Konflikten abgeben kann, die ohnedies nicht zum Kriege führen würden, und die Amerikanerin Dorothy Thompson meinte, die UNO sei sogar schlimmer als nichtst, weil sie vor dieses Nichts eine völlig illusorische Fassade der Sicherheit aufbaut. Sie sei nur dazu da, die Völker im Angesicht der Gefahr einzuschläfern.
Man kann diese Behauptungen nicht einfach als Zynismus bezeichnen. Wer aufmerksam die Zeitung liest, weiß längst, daß sie der Wahrheit entsprechen. Wenn die Großmächte sich nicht einig sind, ist es mit der "kollektiven Sicherheit" vorbei, ob die UNO es will order nicht. Das kommt daher, daß die UNO eine Versammlung von Vertretern der Staaten ist und nicht von Abgeordneten der Menschen selbst. Das ist die Paralyse, an der sie leidet.
Die UNO hat die Macht, alle Kriege zu verhindern, außer denen, die aller Wahrscheinlichkeit nach ausbrechen können.
Es muß unbedingt neben und über die UNO eine andere Organisation treten, die nichts anderes sein kann als eine wirkliche Weltregierung. Die allgemeinen Gesetze, die das Gemeinwohl aller auf der Erde lebenden Menschen berühren und von dieser Weltregierung auf den Weg gebracht werden, dürfen auf keinen Fall der Ratifikation durch die Nationalstaaten unterworfen sein.
Die Abgeordneten dieser Weltregierung dürfen nicht von den Staaten und Staatsregierungen bestimmt, sondern müssen von allen Bürgern der Welt gewählt werden.
Die Ausführung der angesprochenen globalen Gesetze muß sich direkt auf die Menschen erstrecken und nicht erst über den Umweg der nationalen Regierungen erfolgen.
Die Weltregierung soll in ihrem exklusiven Wirkungskreis der Belange des Welt-Gemeinwohls nicht durch nationale Egoismen eingeschränkt werden.
Dies sind die Grundprinzipien eines Organs, das wirklich fähig wäre, den Weltfrieden zu erhalten oder zu erschaffen. Für manchen mögen diese Bedingungen, diese Worte unerhört phantastisch oder verrückt erscheinen - sinnlos ist hingegen das gängige Bestreben, mit viel Zeit, Geld und großen Reden Dinge aufzubauen, die in Wirklichkeit völlig ungeeignet sind, ihren Zweck zu erfüllen. Dann warte man lieber, bis man fähig ist, diese Mittel wirklich für ihren Zweck, das heißt für den Weltfrieden zu verwenden.